Die Titelstory des „Stern“

Martin Gertler, 24.04.2014

Titelstory im STERNzoom

Diese Wochenillustrierte zählt normalerweise nicht zu meiner Lektüre. 

Seit der Publikation jener Story zu den vermeintlichen Hitler-Tagebüchern vor 31 Jahren habe ich - außer im Wartezimmer einer Arztpraxis - keine Berührung mehr mit dem „Stern“ gehabt. 

Doch diese Titelgeschichte vom 24.04.2014 war es mir wert. Und: zu Recht!

Schon stark: die Story

Mit wohlwollender Achtsamkeit geschrieben, erweist sich dieser Beitrag als ein Highlight der Berichterstattung im deutschen Blätterwald der letzten Monate. 

Hier werden nicht angebliche „Fakten“ summiert und diskutiert, sondern das Erleben von Menschen und ihre Überzeugungen stehen im Mittelpunkt. 

Dazu passt auch die mehr als freundliche Einbeziehung des Testimonials von Sonja Reifenhäuser und ihren interessanten Tipps.

Hinzu kommen für den (seit mehr als zwei Jahren) praktizierenden Veganer die mitunter noch neuen Tipps in der Kolumne „Gut zu wissen“. Auch die Rezepte sind prima und verlocken direkt zum Ausprobieren (wenngleich sich nicht erschließt, warum sie lt. Titelseite „die besten“ sein sollten).

Weniger überzeugend ist der Hinweis in der Kolumne „... & lassen“, man solle Produkte, die ein „Ersatzgefühl“ (hallo, was soll diese Wortschöpfung denn bedeuten...?) anböten, meiden. Die dortige unbegründete Prognose der Enttäuschung ist eine rein subjektive Einzelmeinung. 

Dinner mit Algen-Frikadellenzoom

Angesichts solcher Ausrutscher greife ich für mein Dinner hurtig zu Nudeln, Champignons und einer vorgefertigten Algen-Frikadelle, die ich selbst nie herstellen könnte und die ein tolles „Ersatzgefühl“ in meinem Gaumen erzeugte...!

 
 

Hier muss - finde ich - klar gesagt werden, dass es den Menschen doch bitte freigestellt bleiben möge, ob sie Fastfood bzw. Convenience Food mögen oder nicht. 

Wir brauchen nicht über die Freiheit für die anderen Tiere zu reden, wenn wir sie für unsere eigene Art nicht auch verteidigen wollen...

Leider schwach: der „Test“

Die Rubrik „Der V-Faktor“ auf S. 63 ist eigentlich viel zu dünne, um ihr überhaupt Beachtung zu schenken. Man merkt sogleich, dass da wohl jemand anders aus der Redaktion eingegriffen haben muss, um ein wenig Sand (bzw. Schotter) in den konsistenten Beitrag des Autors einzubringen. 

Abgesehen davon, dass jene Fragen und Antworten wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen könnten, wurden gar in drei von den acht Fragen - also nicht in allen! - zusätzliche Antworten „D“ eingebracht. 

Und in der sogenannten „Auswertung“ auf S. 67 wird Bezug auf jene Antworten „D“ genommen, sichtlich umfänglicher als zu anderen Antworten, unter Verwendung von längst veralteten Informationen und unter unsauberer Verwendung von Quellen, denn bei dem Verweis auf „Experten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung“ handelt es sich um eine umstrittene Einzelmeinung. Zudem wird nicht hinreichend berücksichtigt, welchen systemischen Abhängigkeiten jene „Gesellschaft“ unterliegt.

Daher möge hier auf die fundierte Gegendarstellung eines erfahrenen Mediziners inkl. Quellenhinweisen stellvertretend hingewiesen sein.

Fazit: ja - aber

Ein starker und lobenswerter Beitrag eines spannend schreibenden und engagierten Autors - leider ein wenig verwässert durch redaktionelles Drumherum in Form eines substanzlosen „Tests“ mitsamt längst überholten Positionen.

Nicht enthalten sind in dem Beitrag die Folgerungen für die Ökonomie: Veganer benötigen nämlich explizit andere Produkte als Vegetarier und Omnivoren. Daher entwickelt sich längst eine Spartenwirtschaft, die - wo immer man hinschaut - zweistellige Zuwachsraten jährlich verzeichnet. 

Immerhin gibt es gemäß Hochrechnung von YouGov aufgrund einer repräsentativen Erhebung inzwischen 1,2 Millionen Veganer in Deutschland, also leben 1,5 Prozent der Bevölkerung bereits vegan. Deren „Sonderwünsche“ dürften zu weiterer Aufmerksamkeit in der Presse sowie auch in der Ökonomie führen - und zu neuen Angeboten an Studiengängen und Weiterbildung.

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